Lektion 4: Einwanderung/Auswanderung heute

Wortschatz

 



 

Strukturen

Einfรผhrung: das Passiv

In dieser Lektion gibt es eine neue grammatische Struktur. Lesen Sie die folgenden Sรคtze. Welche Information fehlt im zweiten Satz von jedem Paar?

 

Diese Struktur heiรŸt das Passiv, weil man nicht weiรŸ (oder nicht sagen will), wer oder was das Verb gemacht hat.

 

Das Passiv im Prรคsens verwendet das Verb โ€žwerdenโ€œ plus das Partizip Perfekt am Ende der Phrase:

Das Passiv wird heute gelernt. = The passive is being learned today.

 

Das Passiv im Prรคteritum verwendet โ€žwurdenโ€œ (die Prรคteritumform vom Verb โ€žwerdenโ€œ) plus das Partizip Perfekt am Ende der Phrase:

Das Passiv wurde gestern gelernt. ยญยญ= The passive was learned yesterday.

 

Das Passiv im Perfekt verwendet eine modifizierte Perfektform von โ€žwerdenโ€œ: das Hilfsverb โ€žseinโ€œ plus das Partizip Perfekt vom Hauptverb und danach โ€žwordenโ€œ am Ende der Phrase:

Das Passiv ist gestern gelernt worden. = The passive has been learned yesterday.

 

Beispiele von Passiv im Prรคsens, im Prรคteritum und im Perfekt werden in dieser Lektion benutzt. Nach den Lese- und Hรถrtexten arbeiten wir mehr mit dem Passiv.

 



 

Sprechen

Kennen Sie Leute, die aus einem anderen Land kommen? Aus welchen Lรคndern kommen sie? Wissen Sie, warum sie ausgewandert sind?

Gibt es in Ihrer Familie Traditionen aus anderen Kulturen? Welche?

Welche Beispiele von Multikulturalismus gibt es in Ihrem tรคglichen Leben? Wie finden Sie das?

 



 

Kultur

In der letzten Lektion haben wir gehรถrt, dass Magdalenas UrgroรŸvater nicht gern รผber seine Vergangenheit und seine Flucht gesprochen hat. Warum, denken Sie, ist das der Fall?

 

Hรถren

Hรถren Sie jetzt Tiradards Geschichte.

 

Arbeit mit dem Hรถren

 

Fragen zum Nachdenken

  1. Denken Sie, dass die meisten Einwanderer und Flรผchtlinge auch solche Erlebnisse haben? Warum oder warum nicht?
  2. Denken Sie, dass Tiradard gerne negative Erlebnisse im Interview diskutieren wรผrde? Warum oder warum nicht?
  3. In dieser Lektion sind Tiradard und Claudia (im Lesetext unten) die Einzigen, die ihre eigene Geschichten erzรคhlen. Alle anderen Geschichten von Einwanderern und Flรผchtlingen werden von Deutschen und ร–sterreichern erzรคhlt, die diese Leute kennen โ€“ also Geschichten aus zweiter Hand.
  4. Warum, denken Sie, erzรคhlen viele ihre eigenen Geschichten nicht gern?
  5. Warum kรถnnte es problematisch sein, wenn wir diese Geschichten nur aus zweiter Hand hรถren?
  6. In der Erweiterung lesen Sie die Geschichten von Einwanderern und Flรผchtlingen, die im รถffentlichen Kunstprojekt Menschen aus aller Welt daheim in Amstetten durch Zitate reprรคsentiert werden. Seien Sie kritisch: Warum wurden diese Geschichten gewรคhlt? Sind diese Erlebnisse relativ normal oder finden Sie diese Geschichten (in Claudias Worten) zu โ€žrosigโ€œ?

 



 

Lesen

Claudia

Mein Vater ist Palรคstinenser und er hat es miterlebt, was alles im Nahen Osten passiert ist. Er hat dann einen Weg gewรคhlt, der nichts mit Gewalt zu tun hat: die Wissenschaft. Er hat an der Uni in Alexandria, ร„gypten, studiert und dort hat er meine Mutter kennengelernt. Die โ€žStaatsangehรถrigkeitโ€œ, die er dort gekriegt hat, ist ein รคgyptisches Reisedokument fรผr palรคstinensische Flรผchtlinge. Obwohl ich spรคter in Deutschland geboren wurde, heiรŸt das, dass ich auch als Flรผchtling geboren wurde, also staatenlos. So hat mein Leben immer ausgesehen, bis ich es auf eigene Faust geschafft habe, die Staatsangehรถrigkeit von ร–sterreich zu bekommen.

Wenn es um meine Familie geht, ist sie eine ganz internationale Mischung. Diese Herkunft als โ€žstaatenlose Flรผchtlingeโ€œ hat schon in unserem Leben viel Einfluss gehabt. Teilweise dรผrfen wir nicht in gewissen Lรคndern das studieren, was wir gern studieren mรถchten. Zum Beispiel, in manchen Lรคndern durfte mein Bruder nicht Medizin studieren. Deswegen sind wir รผberhaupt nach ร–sterreich gekommen, so dass wir hier unsere Trรคume verwirklichen kรถnnen. Und das durften wir nur, weil wir dieses รคgyptische Dokument fรผr Flรผchtlinge haben. So rosig war unser Weg nach ร–sterreich nicht, aber wir haben es dann rosig gemacht.

 

Arbeit mit dem Lesen: Claudia

 

Fragen zum Nachdenken

  1. Vergleichen Sie Claudias Zuwanderung nach ร–sterreich mit der von Tiradard.
  2. Finden Sie ihre Geschichten eher positiv oder negativ? Schreiben Sie eine Liste mit Beispielen auf.
  3. Denken Sie, dass diese Geschichten reprรคsentativ fรผr die meisten Immigrationsgeschichten im 21. Jahrhundert sind? Warum oder warum nicht?

 

 

Foto von Peter

Peter

Ich kenne sehr, sehr viele Leute, die migriert sind, die auch nach ร–sterreich gekommen sind, die ganz legal hier sind. Ich arbeite natรผrlich auch mit solchen Menschen. Mehr persรถnliche Kontakte habe ich beispielsweise mit dem Patenkind meiner Tochter, ein junger Mann aus Nigeria, der in Nigeria unter menschenunwรผrdigen Umstรคnden gelebt hat, fast wie ein Sklave. Er hat es geschafft, bis nach Europa zu kommen, hier jetzt auch eine Ausbildung zu bekommen und das Asylverfahren lรคuft derzeit.

Ich habe Kollegen auf der Arbeit aus Syrien gehabt. Die sind wegen dem Krieg gekommen. Es war wunderbar mit ihnen zusammen zu sein, und sie haben einem auch erzรคhlt, von dem, was bei ihnen passiert ist, wie ganze Stรคdte verschwunden sind, wie ihre Freunde getรถtet worden sind. Ein paar meiner Kollegen waren auch im dortigen Alpenverein und haben gern in den Bergen gewandert. Sie haben erzรคhlt von den Bergen Syriens und was sie dort gemacht haben, und fast in einem Nebensatz sagen sie: โ€žaber alle Mitglieder im Verein sind jetzt tot.โ€œ Sie sind geflohen, sie waren gut gebildet und sie haben dann auch als Trainer hier gearbeitet.

Ich habe jetzt gerade ein sehr nettes Erlebnis mit einem jungen Afghanen gehabt. Er hat schon als Zehnjรคhriger als Fahrradreparateur in Kabul gearbeitet, war dann quasi zu FuรŸ auf der Flucht bis hierher. Und ich bin sehr stolz, dass ich ihm in einem Fahrradgeschรคft eine Arbeit als Jungmechaniker gefunden habe. Wenn er aber seine Geschichte erzรคhlt von der Flucht โ€“ wie sie unter Beschuss geraten sind und er gerannt ist und gefallen ist, wie sein Freund und er sich nur umklammert haben und als dann die SchieรŸerei aufgehรถrt hat, steht er auf und sagt: โ€žKomm, gehen wir weiterโ€œ aber der Freund war tot, erschossen. Dann sind es sehr, sehr grรคsslich traurige Momente.

Ja, so hat jeder seine Geschichten und bei manchen merkt man, dass sie traumatisiert sind und nur sehr, sehr schwer darรผber sprechen. Und das Wenige, was sie sagen, das ist deutlich genug.

 

Arbeit mit dem Lesen: Peter

 

Fragen zum Nachdenken

  1. Warum denken Sie, dass Peter mehrmals sagt, dass diese Migranten โ€žlegalโ€œ in ร–sterreich sind?
  2. Peter hat gesagt, dass das Patenkind seiner Tochter โ€žunter menschenunwรผrdigen Umstรคndenโ€œ gelebt hat. Wie kรถnnen wir das auf Deutsch beschreiben? Schreiben Sie eine Liste von mรถglichen Beispielen auf.
  3. Fast alle Geschichten, die wir hier gelesen haben, waren รผber Leute, die gut ausgebildet waren, bevor sie nach ร–sterreich gekommen sind. Glauben Sie, dass die meisten Geflรผchteten so eine Bildung haben?
  4. Wie, denken Sie, ist das Leben von Geflรผchteten in Deutschland oder ร–sterreich, die nicht so gut gebildet sind?


 

Hรถren

Ursula

 

Arbeit mit dem Hรถren

 



Sprechen

Gesprรคchsrunde

Peter erzรคhlt von seinen Erfahrungen mit Einwanderer in ร–sterreich.ย  Welche Einwanderer kennen Sie?ย  In einer kleinen Gruppe, diskutieren Sie Ihre Erfahrungen mit Personen, die eingewandert sind.

Wenn Sie keine Personen mit migrationshintergrund kennen, รผberlegen Sie warum?ย  Was wissen Sie รผber die Einwanderungsgesetze in Ihrem Land?ย  Was passiert, wenn eine Person in Ihr Land einwandern will?

Schreiben Sie einige Gedanken auf, denn Sie brauchen sie vielleicht fรผr eine Schreibaktivitรคt.



 

Strukturen

 

Wiederholung vom Verb โ€žwerdenโ€œ

Auf Deutsch ist das Verb โ€žwerdenโ€œ ein sehr wichtiges Verb.

Das Verb โ€žwerdenโ€œ bedeutet โ€žto becomeโ€œ, wenn es nicht mit einem anderen Verb verwendet wird:

  • Bรคrbel wird Psychologin.
  • Christof und Matthias werden krank.

 

Das Verb โ€žwerdenโ€œ zeigt die Zukunft (das Futur), wenn es mit der Infinitivform eines zweiten Verbes am Ende der Phrase verwendet wird:

  • Eventuell wird Claudia ihre Kusine in Neuseeland besuchen.
  • Jรถrg wird an der Uni Gartenarchitektur studieren.

 

 

Das Verb โ€žwerdenโ€œ in Passivsรคtzen

Das Verb โ€žwerdenโ€œ zeigt auch, dass ein Satz passiv ist, wenn es mit dem Partizip Perfekt eines zweiten Verbes am Ende der Phrase verwendet wird. Passiv wird verwendet, wenn man nicht sagen kann (oder nicht sagen will), wer oder was etwas gemacht hat.

Hier wird nicht gesagt, wer gegen die Flรผchtlinge diskriminiert, vielleicht weil man das nicht sagen will:

  • Manchmal werden die Flรผchtlinge wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert.

 

Hier wird nicht gesagt, wer die Reisedokumente gestohlen hat, vielleicht weil man nicht weiรŸ, wer die Reisedokumente gestohlen hat:

  • Die Reisedokumente der Flรผchtlinge wurden gestern Abend gestohlen.

 

Passivsรคtze im Prรคsens

Im Prรคsens wird das Verb โ€žwerdenโ€œ mit dem Partizip Perfekt am Ende verwendet, um einen Passivsatz zu bilden:

  • Viele Flรผchtlinge werden jeden Monat bedient.

 

Um einen aktiven Satz in einen passiven Satz umzuschreiben, verwendet man das Subjekt im aktiven Satz nicht. Das direkte Objekt im aktiven Satz wird das Subjekt im passiven Satz.

 

 

Jetzt werden aktive Sรคtze im Prรคsens in passive Sรคtze umgeschrieben!

 

Passivsรคtze im Prรคteritum

Um einen aktiven Satz im Prรคteritum in einen passiven Satz im Prรคteritum umzuschreiben, wird die Prรคteritumform โ€žwurdenโ€œ verwendet.

 

 

Jetzt werden aktive Sรคtze im Prรคteritum in passive Sรคtze umgeschrieben!

 

Passivsรคtze im Perfekt

Um einen aktiven Satz im Perfekt in einen passiven Satz im Perfekt umzuschreiben, wird das Hilfsverb โ€žseinโ€œ mit dem Partizip Perfekt vom zweiten Verb und danach โ€žwordenโ€œ am Ende verwendet.

 

Jetzt werden aktive Sรคtze im Perfekt in passive Sรคtze umgeschrieben!

 

 

Passiv: Wer oder was hat das gemacht?

Wenn man sagen will, wer oder was etwas im passiven Satz gemacht hat, verwendet man โ€žvon [+ Dativ]โ€œ mit Personen oder โ€ždurch [+ Akkusativ]โ€œ mit Dingen:

  • Aktiv: Claudia kennt viele Flรผchtlinge in Mรผnchen.
  • Passiv: Viele Flรผchtlinge werden von Claudia in Mรผnchen gekannt. = Many refugees in Munich are known by Claudia.

 

  • Aktiv: Flรผchtlingshilfe Mรผnchen bietet jeden Monat viele Programme .
  • Passiv: Viele Programme werden durch Flรผchtlingshilfe Mรผnchen jeden Monat geboten. = Many programs are offered by Munich Refugee Help every month.

 

Jetzt werden aktive Sรคtze in passive Sรคtze mit โ€žvonโ€œ und โ€ždurchโ€œ umgeschrieben!